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Von Alexander Klement (Berlin)
Michael Schmidt setzt sich auf einen der vier Stühle an dem kleinen Besprechungstisch in seinem Büro und fällt ein wenig in sich zusammen. Langsam schlägt er die Beine übereinander. Mit einem Finger schiebt er sich die Brille auf der Nase nach oben und verschränkt dann die Arme vor seiner Brust. Sein Blick wandert ins Leere.
Kein flugtüchtiger Hubschrauber Er trägt einen bieder wirkenden grünen Overall der Polizei. Schmidt leitet die Polizeihubschrauberstaffel von Berlin - zumindest noch bis zum Jahresende. Danach wird die Polizei in der Bundeshauptstadt über keinen flugtüchtigen Hubschrauber mehr verfügen.
Hubschrauber aus Bestand der Volkspolizei Als Michael Schmidt zu erzählen beginnt, kehrt der Glanz in seine Augen zurück. "Das war damals ein ziemliches Hin und Her aber letztlich haben wir erreicht, dass direkt nach der Wiedervereinigung die Polizeihubschrauberstaffel ins Leben gerufen wurde." Zunächst war sie nur im Ostteil der Stadt unterwegs. 1992 wurden dann zwei Hubschrauber vom Typ MI-2 aus dem Bestand der Volkspolizei an das Land Berlin übergeben.
Video: Polizeihubschrauberstaffel im Einsatz: DSL | ISDN Videointerview mit Michael Schmidt: DSL | ISDN
Schwerer, lauter Spritfresser Die MI-2 ist ein polnischer Hubschrauber aus den sechziger Jahren. Etwas in die Jahre gekommen aber "von der Flugsicherheit her bestehen keine Bedenken die Hubschrauber weiter zu nutzen", sagt Schmidt im T-Online Interview. Neben der zweiköpfigen Besatzung ist Platz für fünf weitere Passagiere. Allerdings ist die MI-2 schwer und verbraucht mit rund 300 Litern pro Stunde viel Kraftstoff. Voll getankt bleibt sie rund zweieinhalb Stunden in der Luft.
Schmidt: Für Berliner Verhältnisse ausreichend "Für Berliner Verhältnisse völlig ausreichend", meint Schmidt. Schließlich habe man kein großes Einsatzgebiet. Besonders bei Großveranstaltungen und Staatsbesuchen ist die Polizeihubschrauberstaffel im Einsatz. Sowohl zur Vorbereitung, um mit Hilfe von Luftaufnahmen den Kräften am Boden das Einsatzgebiet zu veranschaulichen, als auch bei dem eigentlichen Event. "Aus der Luft kann man eben vieles besser sehen und so den Kollegen am Boden die Arbeit erleichtern."
Umweltschutz spielt wichtige Rolle Ein weiteres großes Aufgabengebiet ist im Bereich Umweltschutz angesiedelt. Mit Hilfe von Luftbeobachtern aus dem jeweiligen Spezialbereichen finden Gewässerkontrollflüge und Brandaufklärungsflüge statt, die in der Einfachheit und Präzision vom Boden aus nicht möglich wären.
Für Fahndung nicht geeignet "Für die Fahndung und Vermisstensuche ist die MI-2 nicht geeignet. Sie ist laut, vibriert stark und kann nicht längere Zeit in der Luft 'stehen'", sagt Schmidt. Außerdem fehlt es an modernen Geräten wie Wärmebildkamera, Videoüberwachung und Bildübertragung. Videoaufzeichnungen müssen die Polizisten aus der Hand drehen. Die noch zu DDR-Zeiten am Rumpf montierte Videokamera, die von einem Waschmaschinenmotor bewegt wurde, spricht zwar für Ideenreichtum, hat sich aber nicht bewährt.
Fahndung spielt untergeordnete Rolle Eigentlich gar nicht so schlimm, meint Schmidt, denn Fahndung und Vermisstensuche spiele in Berlin keine so große Rolle. "Es ist ja nicht so, dass der Täter für uns gut sichtbar in der Stadt rumläuft. Der verschwindet in der nächsten U-Bahn und wir können dann nichts mehr tun."
Theoretisch Betrieb bis 2009 möglich Rein theoretisch könnten die beiden MI-2 noch bis 2009 geflogen werden. Erst dann greifen europäische Normen die den Betrieb nicht mehr zulassen. Auch wären die Hubschrauber bis dahin noch flugtüchtig.
Schmidt: Ohne Wartung kein Flugbetrieb Die beiden MI-2 der Berliner Polizei sind die einzigen, die noch in Deutschland fliegen. Da die Berliner über keinen eigenen Wartungsbetrieb verfügen, wurde die Wartung bislang in Brandenburg durchgeführt. Brandenburg hat seine MI-2 mit einer Investition von 13 Millionen Euro durch moderne Eurocopter ersetzt und stellt den Wartungsbetrieb zum Jahresende ein. "Ohne Wartung kein Flugbetrieb - so einfach ist das", so Schmidt.
Amtshilfe von Brandenburg und Bundesgrenzschutz Bei Staatsbesuchen und Großveranstaltungen wird ab 2004 dann Amtshilfe von den Brandenburger Kollegen und dem Bundesgrenzschutz (BGS) angefordert - natürlich gegen Bezahlung. Zu den Aufgaben des BGS zählt ohnehin schon der Schutz der Berliner Regierungs- und Parlamentsgebäude. "Umweltschutzaufgaben in dem nach unserer Meinung nötigen Umfang werden dann wohl unter den Tisch fallen", sagt Schmidt.
Bremen und Saarland ebenfalls ohne Polizeihubschrauber Berlin befindet sich also ab 2004 in guter Gesellschaft armer Bundesländer. Auch Bremen und das Saarland leisten sich keine eigene Polizeihubschrauberstaffel, Hamburg hingegen schon. Und Pläne über eine Abschaffung gibt es dort nach Angaben der Polizei noch nicht
Die Hoffnung stirbt zuletzt Dass Berlin in letzter Sekunde doch noch umschwenkt und zumindest einen neuen Hubschrauber anschafft, ist Schmidts große Hoffnung. "Das dürfte angesichts der finanziellen Lage Berlins aber nicht der Fall sein." Die Piloten werden daher demnächst ihre Kollegen nicht mehr aus der Luft, sondern am Boden unterstützen. "Ein schwerer Schritt", meint Schmidt, denn "Pilot wird man ja schließlich aus Leidenschaft."
Zur Originalveröffentlichung bei T-Online
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